Persönliches Wachstum

Erfolg hat nur, wer auch scheitern kann


Jeden Tag werden wir vor neue Herausforderungen gestellt. Wir können sie meistern oder an ihnen scheitern. Das wichtige jedoch ist, dass wir – egal ob wir erst einmal scheitern oder einen Erfolg verbuchen – an Herausforderungen wachsen.

Und wer bitte sagt, dass Scheitern nicht auch ein Erfolg sein kann?

Wenn ich scheitere, heißt das, dass ich den Mut hatte die Herausforderung anzunehmen. Es heißt, dass ich aktiv war und die Initiative ergriffen habe, um etwas zu bewegen. Es heißt auch, dass ich eine Pause machen, mich neu aufstellen und die Herausforderung noch einmal – auf einem anderen Weg – angehen kann.

Wirklich gescheitert bin ich erst, wenn ICH es als dieses definiere. Denn kein anderer außer dir selbst bestimmt das Maß fürs Scheitern. Du kannst erfolgreich scheitern, du kannst dranbleiben, Hilfe annehmen und Ziele auch mal loslassen, um eine andere Richtung zu verfolgen. Doch das alles ist doch kein Scheitern im eigentlichen Sinne, wenn am Ende doch Erfolg steht – oder?

Über seine Grenzen klettern

Ein Ort an dem der enge Zusammenhang von Erfolg und Scheitern im wahrsten Sinne des Wortes zum Greifen nah ist, ist sicherlich ein Waldseilgarten.

Nach einer kurzen Sicherheitseinführung und Erklärung der Kletterpfade konnten wir letztes Wochenende drauf los. Man kann zwischen drei Schwierigkeitsgraden wählen und verschiedene Pfade nur mit einem Partner gemeinsam bestreiten. Dabei ist jeder von uns an einer Stelle an eine innere Grenze gestoßen und an verschiedenen Stellen gescheitert. Der eine früher, der andere später.

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Sandra hat zum Beispiel Höhenangst und so wurde das Besteigen der ersten Plattform über eine Strickleiter bereits zu einer Herausforderung. Da wo die Höhe keine Angst auslöst, kann die körperliche Fitness irgendwann Grenzen aufzeigen. Für mich wurde der Partnerparcour zu einer besonderen Herausforderung, da es hier gilt mit seinem Partner im Gleichtakt zu arbeiten und auch mal zu warten, anstatt vorauszupreschen.

Keiner würde nun wohl sagen, dass Sandra gescheitert sei, weil sie nur auf 6m Höhe anstatt auf 12m Höhe geklettert ist. Oder dass Frank gescheitert sei, weil er nach drei Stunden Klettern aufgehört hat, da die Hände die Grifffestigkeit versagten. Oder ich, da es mir tatsächlich schwer fiel mich auf das Tempo meines Kletterpartners einzustellen.

Gefühle des Scheiterns haben sich allerdings besonders bei Paul breit gemacht, als er mitten aus einem Kletterpfad „gerettet“ werden musste. Denn es ging weder vor noch zurück. Eine Mitarbeiterin des Kletterwaldes ist dazu fix zu uns auf eine Plattform heraufgestiegen. Sie hat Paul mit einer Seilwinde aus dem neun Meter hohen Parcour mit einer Seilwinde auf den sicheren Boden zurückgebracht.

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Paul war zunächst wütend auf und enttäuscht von sich selbst. Sein innerer Kritiker meldete sich stark zu Wort. Selbstvorwürfe und Selbstmitleid über mangelnde Fitness waren die Folge. Aufbauende Worte wie, dass er es aber doch bis hier hin geschafft und sich überhaupt an einen der schwierigsten Kletterpfade im Park herangetraut habe, prasselten da nur ab. Paul wollte nur noch eins – aufhören.

Erfolgreiches Scheitern heißt aber eben auch, dass man seine eigene Grenzen (an-)erkennt und es akzeptiert, wenn man sie in einem Moment nicht überwinden kann. In diesen Situationen Selbstmitgefühl zeigen zu können ist dann sicherlich der Erfolg. Denn meistens scheitern wir nur an unseren eigenen, teils unrealistischen Ansprüchen oder einfach an mangelnder Erfahrung.

Nach einer Weile hat Paul verbesserte sich Pauls Stimmung wieder. Am Boden und unter den anderen hat er neuen Mut fassen können und sich schließlich doch noch auf einen anderen Parcour in luftige Höhe gewagt. Der Flying Fox hat ihm dann sogar richtig Spaß gemacht und konnte als voller Erfolg verbucht werden.

Jedes Scheitern ist also auch eine Chance. Eine Chance sich seiner eigenen teils überzogenen Erwartungen bewusst zu werden oder neue Erfahrungen zu sammeln. Eine Chance seine Ziele unter die Lupe zu nehmen und sich neu zu positionieren sowie für andere eine Chance dich zu unterstützen.

Erfolg bemisst sich nicht an deinem Ergebnis, sondern an den Hürden, die du auf dem Weg bis dahin genommen hast.

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Scheitern und Erfolg in der Schule

Vor allem im schulischen Kontext, finde ich, sollte das Prinzip des erfolgreichen Scheiterns mehr gelebt werden. Denn der Erfolg- und Leistungsdruck sind sowohl für Schüler als auch Lehrer enorm gestiegen. Doch eine „schlechte“ Note macht noch lange keinen schlechten Schüler aus sowie eine „schlechte“ Reaktion keinen schlechten Lehrer ausmacht.

Die Reduzierung von Persönlichkeiten und Leistungen auf eine Notenskala von 1 bis 6 bietet viel Potential für Gefühle und Erfahrungen des Scheiterns. Denn der Vergleich mit den Leistungen der andern liegt so nahe, dass man in welchem Fach auch immer irgendwo „den kürzeren ziehen muss“. Egal wie gut man – an den eigenen Maßstäben betrachtet – bei einer Prüfung abgeschlossen hat, im Raum gibt es fast immer einen, der besser war. Auch unter Lehrern werden die Leitsungsdurchschnitte der Klassen und Kurse verglichen. Diese Vergleich überschatten jedoch, dass es sich um höchst individuelle Menschen handelt, die unter verschiedenen Voraussetzungen zusammenkommen.

Wie beim Klettern hat jeder seine eigenen Voraussetzungen und Grenzen zu überwinden. Daher sollte man sich und seinen Erfolg nur an seinen eigenen, vergangenen Leistungen bemessen und nicht an denen der anderen.

Klausurfrust hoch zwei

Aber auch als Lehrerin fällt es mir nicht immer leicht mit dem Scheitern meiner Schüler vor allem in Klausuren umzugehen. Denn mein Anspruch ist es faire und machbare Aufgaben zu stellen. Meine Schüler darin zu unterstützen das beste sich herausholen zu können. Durch meinen Unterricht und zusätzliche Lernangebote möchte ich es Schülern ermöglichen sich frühzeitig und angemessen auf ihre Prüfung vorzubereiten. Aber auch den Fokus darauf zu richten, dass eine gute Prüfungsleistung nicht das wichtigste ist im Leben.

Somit können Klausurenphasen auch für mich als Lehrerin frustrierend sein. Obwohl ich bereits aus der Vergangenheit weiß, dass ich zusammen mit meinem Kurs erfolgreich an Leistungsdefiziten arbeiten kann. Doch in einer akuten Situationen können schon mal der Frust überwiegen und die alten Erfolge in Vergessenheit geraten. Es dauert dann etwas bevor man sich wieder an seine Macht zur Veränderung erinnert.

So ging es mir auch wieder in der letzten Klausurenphase, die mich besonders gefordert hat, da drei Kurse parallel in die Prüfung gegangen sind. So konnte ich nur in einem Kurs dabei sein. Eine Kollegin löste mich kurz in einem der Kurse ab, sodass ich bei den anderen beiden reinschauen und ein paar Verständnisfragen klären konnte. Mehrer Schüler fielen mir ins Auge, die vor ihren Aufgaben verzweifelten. Eine sogar so sehr, dass sie in Tränen ausbrach wie mir später berichtet wurde.

Frust auf Abwegen

Zurück in meinem Aufsichtskurs war es zu Situationen gekommen, die auf Pfusch schließen ließen. Vor der Tür wurde zudem noch ein Spicker gefunden. Im Raum fielen mir zwei Schüler auf, die wirklich kaum etwas zu Papier brachten.

Mein Frustspiegel stieg, denn gerade in diesem Kurs, in dieser Stufe hatte ich im letzten Schuljahr sehr viel Zeit und Energie investiert. Wir arbeiteten aber den SINN von Schulmathematik für ihr Leben – also für ihren Berufswunsch und damit für ihr Abitur heraus. Wir suchten Wege, die den Schülern helfen könnten mit Angst umzugehen, sich zu motivieren und effektiv zu lernen. Damals mit Erfolg: Die Noten in dem Kurs verbesserten sich bei fast allen Schülern stark. Doch diese Tatsache sorgte in diesem Moment der Klausur nur noch für größeren Frust bei mir. „Haben sie denn über die Ferien alles wieder vergessen?!“, schoss es mir mit steigendem Puls durch den Kopf.

In den 8. und 9. Stunde nach der Klausur hatte ich dann noch mit einem der anderen beiden Kurse Unterricht. Gut, dass es ein recht kleiner Kurs war, sonst hätten wir wohl alle zusammen mit unserem Frust gar nicht mehr in den Raum gepasst ;). Also hörte ich mir zunächst den Frust und Änderungswünsche meiner Schüler an. Die meisten Vorschläge sahen mich in der Handlungsverantwortung: Bitte eine Zusammenfassung von allem was dran kommt. – Bitte eine Probeklausur. – Mehr Anwendungsaufgaben im Unterricht.

Dies frustrierte mich so sehr, dass ich langsam echt verärgert wurde. Denn zum einen ist es mein Ziel Schüler in ihrer Eigenverantwortung zu stärken und zu ermutigen sich auch Mathematik zuzutrauen. Zum anderen war ich allen von den Schüler genannten Punkten nachgekommen. Wobei die Anzahl der Anwendungsaufgaben natürlich immer aufgestockt werden kann. Dankbar war ich, dass immerhin zwei Schüler darauf hinwiesen, dass es sowohl eine Zusammenfassung als auch eine Probeklausur gegeben hat.

Dennoch hatte ich nach sechs Wochen gemeinsamer Zeit von mir erwartet meinen Schüler zu mehr Eigenverantwortung und Motivation verhelfen zu können. Also stieg ich in die Frustdynamik meines Kurses voll mit ein. Mein Frust entlud sich alsdann in einer Predigt im Ton: „Ich habe es euch doch gesagt und es ist eure Verantwortung.“. Diese war wenig pädagogisch und recht schmucklos. Doch in diesem Moment hatte ich das Gefühl in allen drei Kursen gescheitert zu sein.

Vom Frust zum Neustart

Als ich dann in die noch frustrierteren Gesichter meiner Schüler schaute, riss ich mich wieder zusammen. Ich änderte bewusst meinen Ton, meine Haltung und atmete durch. Weiter knüpfte ich mit meinen Schülern an einer Test-Aufgabe an, die der in der Klausur sehr ähnlich war. Somit konnten doch noch ein paar „Aha-Effekte“ erzielt werden. Da übrigens nur drei Schüler von 18 diese zur Vorbereitung bearbeitet hatten.

Mit ein bisschen zeitlichem und emotionalem Abstand bin ich nun auch wieder positiv gestimmt, dass ich zusammen mit meinen Schülern einen Weg finden werde an der Klausursituation zu arbeiten. Ganz unabhängig davon, wie diese Klausuren ausfallen werden, da ich noch nicht reingeschaut habe. Denn die Klausurergebnisse können einen Anlass sein, über Ängste, die eigene Vorbereitung, Unterrichtssituationen und Lernstrategien in Austausch zu kommen. Damit wir ein Scheitern zu einem erfolgreichen Scheitern wandeln können.

Scheitern ist nicht das Ende, sondern der Beginn von einem Neustart zum Erfolg.

frau_sillepopille_

Nur wer „Ja“ zu Herausforderungen sagt, kann auch erfolgreich scheitern

Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Scheitern ist allerdings, dass du eine Herausforderung auch annehmen kannst und dich aus deiner Komfortzone herauswagst. Dazu brauchst du…

  • innere Sicherheit, um dir Neues zuzutrauen.
  • Selbstvertrauen, um an deine Ziele zu glauben.
  • die Möglichkeit auch scheitern zu dürfen.
  • eine starken inneren Mentor.
  • vielerlei Selbstwirksamkeitserfahrungen, um aus alten Erfolgen Kraft und Mut für neue Herausforderungen zu schöpfen.
  • ein sicheres Netz von Menschen, die dich unterstützen und auch mal auffangen, wenn du für den Moment gescheitert bin.

Außerdem solltest du stets deine eigene Definition von Erfolg verfolgen und so deinen eigenen Wertmaßstab für deine Erfolge entwickeln.

Was glaubst du, könnten wir in Schule vom Prinzip des erfolgreichen Scheiterns lernen? Wann bist du an deinen eigenen Ansprüchen oder mangelnder Erfahrung gescheitert?

2 Kommentare

  • Avatar
    Ann-Marie

    Super Idee, die Erlebnisse vom Klettern auf die Schule zu übertragen 🙂 Ich kann alles Gesagte unterschreiben! Vor allem das Scheitern an den eigenen Maßstäben kenne ich. Selbstmitgefühl ist da eine echte Baustelle. Und als Lehrerinnen sind wir Vorbild im Umgang damit: Also Danke für deine Umsetzung!

    • frau_sillepopille_
      frau_sillepopille_

      Liebe Ann-Marie,

      danke für deinen ehrlichen Worte. Das Schöne wiederum am Scheitern an den eigenen Maßstäben ist die Fremdmeinung, die man sich einholen kann und die eben vom eigenen Empfinden nicht selten stark abweicht. Das macht mir die Sache mit dem Selbstmitgefühl stets einfacher.

      Deine frau_sillepopille_

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